Das Verhör
Kriminalstück aus der Kammerspiel-ReiheSilvesternacht in einer kleinen französischen Stadt am Meer. Auf dem Polizeipräsidium herrscht keine Feierstimmung, denn es gilt, die grausamen Sexualmorde an zwei achtjährigen Mädchen aufzuklären. Inspektor Gaillard hat seinen persönlichen Hauptverdächtigen, den gutsituierten, angesehenen Notar Jerome Martineau, unter dem Vorwand einer Zeugenaussage aufs Revier bestellt; mit dem Ziel, den Notar noch in dieser Nacht der beiden Morde zu überführen.
Die beiden Männer sind ebenbürtige Gegner: Martineau in seiner Selbstherrlichkeit zunächst zynisch und sarkastisch, Gaillard ganz der routinierte, mit allen Wassern gewaschene "Bulle". Bereits nach wenigen Minuten bekommen die aufgesetzten Masken der beiden Kontrahenten in den stundenlangen Verhören jedoch die ersten Risse.Dem Polizisten scheint die Aufklärung der Verbrechen ein persönliches Anliegen zu sein, das er mit Besessenheit verfolgt. Martineau verliert angesichts des bohrenden Interesses an seinem Privatleben seine Souveränität und schlüpft langsam in die Rolle eines Klienten, den der Inspektor, als wäre er eine Art Psychoanalytiker, an die Grauzonen seines bürgerlichen Scheindaseins heranführt. Bei dem subtilen Kampf um Wahrheits- und Schuldfindung zieht der beschuldigte Martineau letztendlich den kürzeren.
Die Spannung um die zu klärende Schuldfrage und den Ausgang des Verhörs erreicht ihren Höhepunkt, als Martineaus junge und äußerst attraktive Frau Chantal auftaucht und ihren Mann belastet...Der zeitliche Rahmen des Stücks umfasst eine einzige Nacht, und die Handlung beschränkt sich auf einen einzigen Ort: das Verhörzimmer des Polizeipräsidiums. Innerhalb dieser klaustrophobischen Enge halten die Rede-Duelle den Zuschauer in Atem. Ein spannendes Kammerspiel um Identität und Differenz von juristischer und moralischer Schuld.